Dienstag, 24. April 2012

Ich denke an Dich

Du bist jetzt weg. Ganz plötzlich.

Ich kann es immer noch nicht begreifen. Wie das geht. Warum das so ist. Es ist einfach so. Ein ganz natürlicher Prozess, der nicht bezwingbar ist und jeden von uns irgendwann trifft. Du hast es irgendwie schon geahnt. Beim letzten Treffen vor 2 1/2 Wochen meintest Du zu mir, dass Du denkst, dass Du's nicht mehr lange machen wirst. Deine Lunge sei krank und das Atmen fiel Dir sehr schwer. Du hast es gehasst in diesem alten kränklichen Körper gefangen zu sein, doch selbst Deine äußere Hülle konnte niemanden täuschen. Sobald man Dich näher kannte, wusste man, was für ein starker Mensch Du bist und Dich von niemanden unterkriegen lässt.

Ich versuche so stark zu sein wie Du. Auch wenn es mir scheiße schwer fällt nicht zu weinen. Aber ich weiß, dass Du mich nicht weinen sehen magst. Also denke ich an schöne Dinge über Dich.

Ich liebte Deine Geschichten, die Du mir immer erzähltest. Von Deiner Flucht vor den Russen in Ostpreußen.. Du warst gerade mal 9 Jahre alt als eine Bombe auf euer Haus fiel und alles zerstörte. Die Russen machten alles platt und schossen auf euch. Jeden Tag. Du verstecktest Dich unter Leichen um nicht entdeckt zu werden. Das eine Mal kamt ihr sogar an einer Spielzeugfabrik vorbei und am liebsten hättest Du alles mit genommen, doch auch dieses Gebäude wurde bombadiert. Du hast aber alles überlebt und es bis nach Mecklemburg geschafft, wo Du meine wunderschöne Oma kennen gelernt, sie Dir geschnappt und mit ihr 5 Kinder bekommen hast. Du warst echt ein hübscher Bursche! Deine gebräunte Haut und die schwarzen Haare behieltest Du bis zum Schluss. Mein Freund meinte, dass Du ihn immer an eine Haselnuss erinnert hast.

Dann erzähltest Du mir sehr oft von der Zeit bei der Marine. Du brauchtest Geld und wolltest dafür auf See. Das war die schönste Zeit Deines Lebens, meintest Du immer. Viel erlebt hattest Du dort. Es waren harte Zeiten, doch standen Dir immer loyale Kollegen zur Seite, denn Du warst sehr beliebt. Mir kommen gerade Tränen in die Augen, denn beim letzten Mal, das weiß ich noch, sagtest Du, wie ihr einen  Kollegen verloren hattet und später seine Leiche im Wasser fandet. Oder wie ein Kollege vom anderem Schiff dachte, dass Du ein Feind wärst und auf Dich dann schießen wollte und auch Du zur Not DeineWaffe bei Dir hattest. Aber als ihr euch erkanntet, musstet ihr heftig lachen und Du bekamst Zigaretten und Schnaps geschenkt.

Das war voll Dein Ding. Zigaretten und Alkohol. Meine Oma mochte das nie und hat Dich bis zum Schluss deswegen ausgeschimpft, doch hat Dich das nicht gejuckt. Wir wussten alle, wo Deine geheimen Verstecke waren. Nur das Rauchen hast Du irgendwann aufgegeben.

Dein Leben war sehr aufregend. Würde ich alles jetzt aufzählen, wäre das ein dickes Buch. Alleine meine eigenen Erinnerungen mit Dir wären genug Stoff.

Dein Tod ist so unwirklich. Wenn ich es ausspreche, ist mir so, als würde ich jedes Mal eine Lüge aussprechen. Oder als würde ich über jemand Fremden erzählen. Dass das dem passiert ist. Nicht mir. Eigentlich ist es so für mich als würdest Du immernoch auf unserem Hof sitzen und die Vögel füttern. Sie beim Streiten beobachten, dabei eine Flasche Bier in der Hand und eine liebevolles Lächeln, wenn man an Dir vorbei geht und Dich grüßt.

Es ist so als könnte ich Dich immer wieder um Hilfe bitten und jederzeit, wenn ich wollte, Deinen Geschichten zuhören. Doch geht das nicht mehr. Wenn ich versuche mir bewusst zu machen, was passiert ist, wird mir so schlecht. Ich könnte mich dann übergeben. Ich will das nicht wahr haben. Das ist doch nur ein böser Traum und wenn ich aufwache gibt es Dich noch. Dann ist noch alles wie früher und es gibt noch die ganze Familie und meine Oma ist glücklich.

Ich vermisse Dich Opa Hubert.. so sehr.. Wir vermissen Dich alle!

Von draußen höre ich die Vögel zwischtern und denke dabei an Dich...

Kommentare:

  1. Du hast das so schön aufgeschrieben..
    tut mir so leid für euch<3

    es hört sich so an als wäre er ein wirklich liebevoller mensch gewesen, was er bestimmt auch war und noch immer ist.

    du kannst mir gerne schreiben wenn dir danach ist<3

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  2. Liebes Miau,

    (Auch wenn ich bezweifle, dass dieser Name in deiner Geburtsurkunde steht :-))

    Ich habe gerade gebannt deinen Text gelesen und musste fast eine Träne verdrücken. Wunderbar, wie viele Geschichten du über diesen interessanten und liebevollen Mann im Kopf hast. Natürlich ist es immer unsagbar traurig und schwer, einen geliebten Menschen zu verlieren. Egal ob es durch einen plötzlichen Unfall oder nach langer Krankheit passiert. Als meine Großmutter vor ein paar Jahren gestorben ist, war es mir auch kaum ein Trost zu wissen, dass sie ein langes Leben hatte und der Tod einfach zum Leben dazugehört.
    Trotzdem habe ich versucht, mich stets an die guten Dinge, die ich mit ihr verbinde, zu erinnern. Die Kekse die sie immer gebacken hat, die Buntstifte die sie immer extra gekauft hatte, damit ich nach der Schule bei ihr sein und zeichnen konnte, dass sie immer alles „herzig“ fand,…
    Ich habe ein altes, goldenes Armband mit rosa Steinen von ihr. Das trage ich bis heute noch oft… Es gibt mir irgendwie das Gefühl, ihr einen Tribut zu zollen und es kommt mir vor, als läge dann immer eine gewisse, schützende Hand auf meiner Schulter.
    Vielleicht hast du auch irgend so ein Andenken oder ein schönes Foto von deinem Großvater, dass du bei dir tragen oder irgendwo hinstellen kannst?
    Dass du dir hier einmal alles von der Seele geschrieben hast, war bestimmt befreiend. Und selbst wenn er es nicht mehr lesen kann; bestimmt hat er gewusst, dass du ihn liebst. Nimm dir Zeit zu trauern, ruf dir so oft wie du willst die schönen Erinnerungen die du mit deinem Großvater verbindest, ins Gedächtnis, sei froh über die Zeit, die du mit ihm hattest, und sprich über ihn mit deiner Familie oder Freunden.

    Und bitte hör nicht auf, deine Gedanken niederzuschreiben. Egal ob hier öffentlich auf deinem Blog, oder für dich privat. Selbst wenn deine Beiträge über Mode und Kosmetik vielleicht mehr Kommentare bekommen. Irgendwann in vielen Jahren liest du das hier vielleicht nochmal, und dann wirst du vielleicht verwundert sein, was du getragen hast oder wie du dich geschminkt hast (wir wissen schließlich nicht wie sich der Trend entwickeln wird :-)), aber was dich wirklich interessieren und dich berühren wird, werden deine damaligen Gefühle und Gedanken zu deinem Leben sein.
    Alles Gute und viele herzige Herzen <3

    XOXO, Saperlotte

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    1. Das sind echt wunderbare Worte von dir und ich danke dir vom ganzen Herzen dafür!

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